Aspekte gesellschaftlicher Rahmenbedingungen
zur Vermittlung von Medienkompetenz in der Schule
 
    

  1. Eine neue Technik verändert die Welt

  1. Neue Medien in der Informationsgesellschaft

  1. Technik als Kulturleistung – Medienkompetenz als neue Kulturtechnik

  1. Medienkompetenz: Teil des Bildungs- und Erziehungsauftrags der Schule

  1. Voraussetzungen zur Vermittlung von Medienkompetenz an den Schulen

  1. Der Bildungsauftrag der Universitäten im Rahmen der Lehramtsausbildung

  1. Auftrag, Ziele und Inhalte des Pilotprojekts: ICuM


 

1. Eine neue Technik verändert die Welt

Seit der industriellen Revolution wird unsere Gesellschaft durch eine zunehmend schnellere technische Entwicklung entscheidend geprägt.

Mit der Entwicklung der ersten frei programmierbaren Computer

  • Konrad Zuse D, 1936: Z1, die erste mit dem binären Zahlensystem arbeitende, programmgesteuerte Rechenmaschine (noch rein mechanisch),

  • Alan Turing GB, 1943: Colossus, der als erster elektronischer Digitalcomputer angesehen wird (1500 Vakuumröhren),

  • John Atanasoff und Clifford Berry USA, 1945: ENIAC (Electronic Numerical Integrator And Computer)

gewinnt die technische Entwicklung eine neue Dimension, die auch als ‚digitale Revolution’ bezeichnet wird.

Durch die Ende der sechziger Jahre entwickelten integrierten Schaltkreise (ICs: Integrated Circuits) und Mitte der siebziger Jahre entwickelten Mikroprozessoren (viele tausend miteinander verbundene Transistoren) waren die technischen Grundlagen für eine umfassende Ausbreitung der digitalen Technik geschaffen.

1981 also erst vor 20 Jahren begann mit der Vorstellung des ersten IBM-PCs neben anderen Anbietern (Apple, Commodore, Atari, u.a.), die teilweise schon benutzerfreundlichere Bedienungsoberflächen entwickelt hatten, die massenhafte Ausbreitung der sogenannten ‚PC kompatiblen’ Computer in Alliance mit Microsoft Betriebsystemen und Intel-Prozessoren. Als Massenprodukt wurden Personal Computer so auch für Privatanwender erschwinglich. Die Verbreitung und exponentielle Weiterentwicklung der Computertechnologie vor allem in den Industrienationen führte zu tiefgreifenden technischen und gesellschaftlichen Veränderungen.

Veränderungen durch den Einsatz von Computertechnik:

  • Militärtechnik (ARPA-net 1972 / Vorläufer den Internets)

  • Raumfahrt – vom Sputnik zur Raumstation ISS

  • Kommunikation – eMail, Chat, Videokonferenz, Funk-Telefon, Sat.-TV

  • Verfahrenstechnik– Medizintechnik (Chemie, Physik, Biologie -
    Biochemie z.B.: Entschlüsselung des menschlichen Genoms)

  • Arbeitswelt – neue Berufe – Automation – Arbeitslosigkeit

  • Wirtschaft – eCommerce – elektronische Zahlungssysteme

  • Computertechnik als Bestandteil fast aller technischen Geräte

  • Freizeitgestaltung – Spiele – Internetsurfen – Chat, etc.

  • Computerkriminalität – Onlinebetrug – Wirtschaftsspionage, etc.)

  • Informationssammlung – Datenbanken – Vernetzung – Datenschutz

  • Verletzbarkeit vernetzter Systeme (z.B.: AKWs, Energiewirtschaft, internationaler Finanzverkehr, Verteidigungssysteme u.a.) durch Computerviren, Hacker oder Cyberterroristen

Das Internet als weitereichenste Manifestation der Computertechnik in Form einer weltweiten Vernetzung ist heute globaler Informationsspeicher, Kommunikationsplattform, Handelsplatz und Freizeitbereich für mehr als 150 Millionen Internetnutzer weltweit. Das Netz der Netze umfasst – Wissenschafts-, kommerziell-öffentliche [ISP], private Mailbox, Schule u. Bildungs-, staatliche[Dienste] u. kommerziell geschlossene Netze.


2. Neue Medien [1] in der Informationsgesellschaft:

Die Informationsflut der globalen Informationsgesellschaft wurden nicht erst durch das Internet geschaffen, gewinnt aber durch das Medium an Dynamik.

Die neuen Medien ermöglichen es in der Informationsgesellschaft durch die elektronische Datenspeicherung und weltweite Vernetzung ein globales Gedächtnis mit beliebigen Verknüpfungsmöglichkeiten aufzubauen.

Durch das Zusammenwachsen lokaler, betrieblicher, regionaler und überregionaler Netze ergeben sich betriebliche und staatliche Kontrollmöglichkeiten (der gläserne Kunde/Bürger), die einer politisch mündigen, medienkompetenten Mitgestaltung der gesellschaftlichen Regelungen bedürfen.

Papiergebundenen Datenbestände (Bücher und Zeitschriften) werden ergänzt und zunehmend ersetzt durch elektronische Bibliotheken. Aus diesen mehr als 8.000 öffentlich zugänglichen Datenbanken können die Informationen sekundenschnell von jedem an das Internet angeschlossenen Computer aus abgerufen werden.

Den Vorteilen eines allgemeinen demokratischen Zugangs zum Internet stehen bei der Informationsbeschaffung (z.B. eLearning) die Nachteile einer Menge unbrauchbarer und die leichtere Manipulierbarkeit der Daten gegenüber.

Über das Internet kann asynchron per Email, Newsgroups oder Plattformen zur Gruppenarbeit (BSCW) oder synchron per Chat, Voice chat oder Videokonferenz unabhängig von Zeit oder Entfernung kommuniziert werden.

Für die wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland und den Erhalt der Wettbewerbsfähigkeit dürfte die Bereitstellung einer Informations-Infrastruktur (Breitbandvernetzung) von gleichrangiger Bedeutung sein wie das Straßennetz und die sonstigen Versorgungsnetze. (Informationen als Produktionsfaktor)

Um im internationalen Wettbewerb bestehen zu können, ist Deutschland als rohstoffarmes Land auf sein Bildungswesen angewiesen. Deshalb ist es u.a. notwendig, dass alle Bildungsinstitutionen die Lernenden zu einem verantwortungsvollen und kompetenten Umgang mit den neuen Medien qualifizieren.

Dies beinhaltet u.a. kompetent und kritisch mit der Informations- und Kommunikationstechnik umzugehen, die Technik der Telekommunikation zu beherrschen, Datensicherheit und Datenschutz zu beachten, soziale Regeln der Kommunikation im Internet einzuhalten und die Rechte anderer zu respektieren. Besondere Bedeutung kommt dabei der Fähigkeit zu, Informationen zu finden, auszuwählen, zu bewerten, zu gewichten, zusammenzufassen, zu strukturieren und so Informationen zu persönlichem Wissen zu transformieren. Darüber hinaus werden gerade wegen der exponentiellen technischen Entwicklung und der allgegenwärtigen Informationsflut im Rahmen der globalen Vernetzung Qualifikationen wie selbständige Arbeitsplanung, Kooperation im Team, die Reflexion der eigenen und der Gruppenlernprozesse und selbstgesteuertes eigenständiges (lebenslanges) Lernen von besonderer Bedeutung sein.

In Ihrem Beschluss zu „NEUE MEDIEN UND TELEKOMMUNIKATION IM BILDUNGSWESEN" stellt die Kultusministerkonferenz 1997 fest:

"Die Auswirkungen auf Gesellschaft, Familie, Beruf und Freizeit werden nach allen vorliegenden Prognosen umfassend und tiefgreifend sein. Bei der Diskussion der Konsequenzen und Handlungserfordernisse in Fach- und politischen Gremien werden wirtschafts- und industriepolitische Argumentationen gesellschafts-, sozial- und bildungspolitischen gegenübergestellt, teilweise werden sie miteinander vermischt." [2]

Wenn wir damit übereinstimmen, dass die Veränderungen durch die Computertechnik so tiefgreifend sind, dass ohne Kompetenz im Umgang mit den neuen Medien keine chancengleiche Teilhabe an der gesellschaftlichen Nutzung, Gestaltung und Kontrolle dieser Technologien möglich ist, hat das Bildungssystem und damit auch insbesondere die Schule die Aufgabe allen Schülerinnen und Schülern Medienkompetenz zu vermitteln.

ð Das Bildungssystem hat den gesellschaftlichen Auftrag
    zur Vermittlung von Medienkompetenz


3. Technik als Kulturleistung – Medienkompetenz als neue Kulturtechnik

Kultur (von lat. cultura = Landbau; Pflege des Körpers und des Geistes) entwickelt sich durch die Beeinflussung von Naturprozessen durch menschliche Arbeit unter zu Hilfenahme der jeweils zur Verfügung stehenden Techniken. „Kultur ist ohne Technik nicht möglich. Deshalb gehört zur Teilnahme an der Kultur einer Gemeinschaft, über die Techniken verfügen zu können, deren diese Kultur sich bedient. Wir nennen sie deshalb auch Kulturtechniken: diejenigen Techniken, die alle erwerben oder erlernen müssen, die an der Kultur und ihrer Weiterentwicklung teilnehmen müssen.

Welche dies sind, hängt vom geschichtlich gewordenen Stand der Kultur ab; aber auch von der gesellschaftlichen Stellung des einzelnen, da diese darüber entscheidet, an welcher Stelle und in welcher Form und in welchem Umfang jemand an der jeweiligen Kultur bzw. an Bereichen dieser Kultur teilhaben kann und soll. Sprechen zu können und Sprache zu verstehen, ist die fundamentale Kulturtechnik für jede menschliche Gesellschaft, insofern sie sprachlich vermittelt ist. Schreiben und Lesen zu können, ist unabdingbar für die Teilhabe an einer Schriftkultur. Dies war bis ins 19. Jahrhundert keineswegs für alle Gesellschaftsmitglieder unabdingbar; und noch heute beherrscht ein nicht unbeträchtlicher Teil der Weltbevölkerung diese Kulturtechnik nicht, kann also auch nicht an der globalen Schriftkultur teilhaben. Rechnen zu können, ermöglicht die Teilhabe an einer Rechen-Kultur. Dieses Vermögen ist in den Rang einer Kulturtechnik aufgerückt mit der Durchsetzung der Geldökonomie.

Entscheidend an den Kulturtechniken sind aber nicht die Techniken für sich betrachtet. Wenn wir unseren Kindern das Schreiben beibringen, geht es nicht darum, dass sie die Feinmotorik des Stiftführens beherrschen lernen. Das müssen sie auch. Aber um eines höheren Ziels willen: Sie sollen durch das Schreibenlernen eingeführt werden in unsere Schriftkultur. Ebenso ist es mit dem Rechnen lernen: Die reine Mechanik der Rechenoperationen, sei es im Kopf oder mithilfe von Rechenwerkzeug anwenden zu können, kann noch nicht als Beherrschung dieser Kulturtechnik angesehen werden. Entscheidender ist, dass dabei auch verstanden wird, was diese Operationen bedeuten, bewirken und welchen Sinn im Zusammenhang des menschlichen Lebens sie haben". [3]

Das Lernen mit und über neue Medien hat einen kulturerschließenden Stellenwert erhalten. Das Verstehen der Zeichensprache der Medien und die eigene Ausdrucksfähigkeit in dieser Zeichensprache erweitern die bisherigen Kulturtechniken des Lesens, Schreibens und Rechnens.

Nach dem Stand der technischen Entwicklung und den Zukunftsprognosen in unserer Kultur erscheint es gerechtfertigt Medienkompetenz (vor allem im Umgang mit Computer basierten Medien) als neue Kulturtechnik zu bezeichnen.


4. Medienkompetenz: Teil des Bildungs- und Erziehungsauftrags der Schule

Der im Hessischen Schulgesetzes verankerte Bildungs- und Erziehungsauftrag der Schule (§2 Abs. 2,3) kann nur erfüllt werden, wenn den Schülerinnen und Schülern die notwendige Kompetenz vermittelt wird, dass sie Chancen, Auswirkungen und Gefahren der neuen Medien abschätzen, diese gekonnt nutzen und kreativ in demokratischer Verantwortung mitgestalten können.

§ 2 Bildungs- und Erziehungsauftrag der Schule

(2) Die Schulen sollen die Schülerinnen und Schüler befähigen, . . .

  1. staatsbürgerliche Verantwortung zu übernehmen und sowohl durch individuelles Handeln als auch durch die Wahrnehmung gemeinsamer Interessen mit anderen zur demokratischen Gestaltung des Staates und einer gerechten und freien Gesellschaft beizutragen, . .

  2. die Auswirkungen des eigenen und gesellschaftlichen Handelns auf die natürlichen Lebensgrundlagen zu erkennen und die Notwendigkeit einzusehen, diese Lebensgrundlagen für die folgenden Generationen zu erhalten, um der gemeinsamen Verantwortung dafür gerecht werden zu können, 

  3. ihr zukünftiges privates, berufliches und öffentliches Leben auszufüllen, bei fortschreitender Veränderung wachsende Anforderungen zu bewältigen und die Freizeit sinnvoll zu nutzen.

(3) Die Schule soll den Schülerinnen und Schülern die dem Bildungs- und Erziehungsauftrag entsprechenden Kenntnisse, Fähigkeiten und Werthaltungen vermitteln. Die Schülerinnen und Schüler sollen insbesondere lernen,

  1. auch die Fähigkeit zur Zusammenarbeit und zum sozialen Handeln zu entwickeln, eine gleichberechtigte Beziehung zwischen den Geschlechtern zu entwickeln, 

  2. Konflikte vernünftig und friedlich zu lösen, aber auch Konflikte zu ertragen,

  3. sich Informationen zu verschaffen, sich ihrer kritisch zu bedienen, um sich eine sowohl den Willen, für sich und andere zu lernen und Leistungen zu erbringen, als eigenständige Meinung zu bilden und sich mit den Auffassungen anderer unvoreingenommen auseinandersetzen zu können,

  4. ihre Wahrnehmungs-, Empfindungs- und Ausdrucksfähigkeiten zu entfalten Kreativität und Eigeninitiative zu entwickeln. [4]

Darüber hinaus sind im § 6 Abs.(4) des Hessischen Schulgesetzes die fächerübergreifenden Bildungs- und Erziehungsaufgaben u.a. „Medienerziehung und informations- und kommunikationstechnische Grundbildung" verankert. „Sie können in Form themenbezogener Projekte unter Berücksichtigung der fachbezogenen Lernziele und Methoden auch jahrgangs- und schulformübergreifend unterrichtet werden."

In der Verordnung über die Stundentafeln [5] wird unter Aufgabengebiete ausdrücklich generell vermerkt: „Die informationstechnische Grundbildung ist Gegenstand des Unterrichts in unterschiedlichen Fächern nach Maßgabe der Lehrpläne." Weiterführende Hinweise gibt es in den schulformbezogenen Teilen der Stundentafeln zur EDV und Informatik.

Die Vermittlung einer informationstechnischen Grundbildung soll bei den neuen Lehrplänen in allen Fächern eingearbeitet werden.

Die aufgeführten gesetzlichen Bestimmungen belegen, dass die Vermittlung von Medienkompetenz wesentlicher Bestandteil des Bildungs- und Erziehungsauftrags der Schule in Hessen ist.


5. Voraussetzungen zur Vermittlung von Medienkompetenz an den Schulen

Inzwischen hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass die Ausstattung der Schulen mit Computern und Internetzugängen zwar eine notwendige aber nicht hinreichende Voraussetzung für die Vermittlung von Medienkompetenz bildet.

  • Medienkompetenz entsteht nicht schon dadurch, dass Schülerinnen und Schüler an den Computer gesetzt werden, mit Maus und Tastatur umgehen können oder im Internet chatten oder spielen.
    Die Fähigkeit zur Aneignung von Wissen wird bei der Heranführung an das Medium Buch ja auch nicht dadurch befördert, dass wir Schülerinnen und Schüler in eine Bibliothek setzen und sagen:" Du kannst jetzt lesen. Hier findest du alle Informationen für dein Thema."
  • Medienkompetenz wird entwickelt durch die didaktisch aufbereitete Einführung in den Umgang mit den neuen Medien und die Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten, Grenzen, und Gefahren der neuen Technologien im Unterricht.

  • Der Lernprozess wird dann besonders nachhaltig sein, wenn diese Kompetenzen in Form von Vorhaben oder Projekten (auch fächerübergreifend) eine produktive Aneignung (handelndes Lernen) durch Gestaltungsaufgaben (am Computer, Text-, Bild-, Ton- u. Videobearbeitung, Internet etc.) ermöglichen.

Der überwiegende Teil der im hessischen Schuldienst befindlichen Lehrkräfte hatte die Ausbildung schon einige Jahre abgeschlossen, bevor Mitte der 80’er Jahre - durch die exponentielle Entwicklung des Internets - die gesellschaftlichen Auswirkungen der Computertechnologie verstärkt zum Thema schulischer Bildung wurden.

Aber auch nur ein geringer Prozentsatz der nach 1985 bis heute in den hessischen Schuldienst eingetretenen Lehrkräfte hat bereits in der Ausbildung eine ‚Basisqualifikation Medienkompetenz’ erworben, in Abhängigkeit davon, ob Lehramtsstudierende in der 1. oder 2. Phase der Lehramtsausbildung entsprechende Lehrangebote erhalten und wahrgenommen haben.

Viele Lehrkräfte sahen sich mit zunehmender Hardwareausstattung mit der Forderung von Schülern und Eltern konfrontiert, Computer und das Internet stärker in ihren Unterricht einzubeziehen.

Aufgrund der oft nur rudimentären informationspädagogischen Konzepte an den Schulen und fehlender Fortbildung, reagierten sie häufig skeptisch bis ablehnend.

Dieser berechtigten Skepsis wurde jetzt Rechnung getragen.

Der folgenden Auszug aus einer Pressemitteilung des HKM zeigt, dass die Notwendigkeit zu intensiven Fortbildungsangeboten für Lehrkräfte in diesem Bereich erkannt ist, bevor Schule den Bildungsauftrag zur Vermittlung von Medienkompetenz im angestrebten Umfang realisieren kann.

Landesregierung, Schulträger und Wirtschaft unterzeichnen
"Schwalbacher Erklärung"

... Im Rahmen eines Empfangs des Ministerpräsidenten in der Albert-Einstein-Schule in Schwalbach am Taunus erklärten die Unterzeichner, die Medieninitiative zur Modernisierung der hessischen Schulen gemeinsam tragen und umsetzen zu wollen. "Schule @ Zukunft" will die Ausstattung der Schulen mit Computern sowie deren Vernetzung, Wartung und Pflege deutlich verbessern und die Medienkompetenz von Lehrkräften, Schülerinnen und Schülern stärken

... Die Medieninitiative umfasst laut Wolff drei Schwerpunkte: Erstens die Verbesserung der Ausstattung mit Computern, Netzwerken, Internetzugängen und Software, zweitens die Regelung der Pflege und Wartung der Computer und Netze und drittens die Vermittlung der Medienkompetenz in allen Phasen der Lehrerbildung.
Der Ausbau der Medienbildung als Schlüsselqualifikation für die Zukunftsbewältigung liege im gesamtgesellschaftlichen Interesse, betonte Wolff. Anwendersoftware, Multimedia und Online-Angebote seien unerlässliche Ergänzungen der traditionellen Lehr- und Lernmittel für ein zukunftsgerechtes Lernen in allen Schulformen
.

Medienkompetenz werde in zunehmendem Maße zu einem wesentlichen Faktor für berufliche Chancen und gesellschaftliche Teilhabe. Dies gelte natürlich auch für die Pädagogen: "Durch Aus- und Fortbildung im Programm ,Schule @ Zukunft' werden 15.000 Lehrerinnen und Lehrer eine solide Medienkompetenz erwerben", sagte die Ministerin. [6]

Die berechtigte Erwartung, dass spätestens ab dem Jahr 2000 alle Lehramtsstudierenden deutscher Universitäten eine obligatorische Basisqualifikation Medienkompetenz’ im Studium erworben haben sollten, muss leider enttäuscht werden.

Trotz der Forderungen zahlreicher Wissenschaftler seit 1985 (vgl. Literaturnachweis) und der Expertengremien der Bund-, Länderkommission (BLK) und der Kultusministerkonferenz (KMK) sind an den meisten Universitäten, von Projekten abgesehen, bis heute weder die konzeptionellen noch die sächlichen und personellen Voraussetzungen geschaffen worden, für alle Lehramtsstudierenden ein solches Lehrangebot einzurichten.


6. Der Bildungsauftrag der Universitäten im Rahmen der
    Lehramtsausbildung

Die Forderung der KMK von 1997, dass sich das Bildungswesen frühzeitig und angemessen auf die durch die neuen Medien veränderten gesellschaftlichen Bedingungen einstellen sollte, ist bis heute nur in Ansätzen umgesetzt.

NEUE MEDIEN UND TELEKOMMUNIKATION IM BILDUNGSWESEN

Zusammenfassung

Neue Medien, insbesondere Multimedia und Telekommunikation, sind derzeit ein herausragendes Thema in der Öffentlichkeit, weil davon ausgegangen wird, dass ihr Einsatz zu deutlichen Veränderungen in vielen Bereichen unserer Gesellschaft führen wird. Auch das Bildungswesen ist herausgefordert, sich auf diese Veränderungen frühzeitig und angemessen einzustellen.
Eine genauere Analyse der derzeit erkennbaren Auswirkungen und Möglichkeiten der Neuen Medien zeigt, dass durch schnellen Datenzugriff, eigenständiges Recherchieren in Datenbanken, Verlagerung von Telearbeits- und -lernplätzen in den häuslichen Bereich und Selbstlernangebote zwar die Selbstbestimmung der Lernzeit, der Lernorganisation und der Lerninhalte gestärkt werden kann, dass aber die soziale Eingebundenheit und das soziale Lernen auch zukünftig ein wichtiges Lernziel für Schule und Weiterbildung darstellen muss. Zur Wahrnehmung des Erziehungsauftrags bleiben daher unmittelbare Kommunikation und personales Zusammenwirken unerlässlich.

Die Neuen Medien sind zu betrachten als

  • Gegenstand von Lehren und Lernen

  • Hilfsmittel für den Unterricht

  • Feld für berufliche Qualifizierung

  • Mittel für das Fernlernen.

Darüber hinaus müssen Schule und Weiterbildung ihre Stellung gegenüber der Freizeitnutzung der Neuen Medien definieren.
Die Vielfalt der Medientechnologien erfordert eine intensivere Auseinandersetzung mit den Strukturen, Abhängigkeiten, Inhalten und Zielen der Medien in allen Bereichen des Bildungswesens. Zukünftiges Leben in einer von Medien dominierten Welt ist verantwortlich, selbstbestimmt und selbstbewusst nur mit differenzierten Kenntnissen der grundlegenden Sachverhalte möglich. Eine gezielte Aufnahme der Themenstellungen in den Bildungskanon ist deshalb unerlässlich. Dabei gelten die Ziele der Medienpädagogik, wie sie in der KMK Erklärung vom 12.5.1995 dargestellt wurden, auch für Multimedia und die Telekommunikation. Große Chancen bieten die Neuen Medien in ihrer Funktion als Hilfsmittel für die Gestaltung und Durchführung von Lehr- und Lernprozessen. Die Integration verschiedener bisher getrennter Technologien und die Ausweitung auf neue Bereiche fordern zu intensiverer und neuer Auseinandersetzung mit mediengestütztem Unterricht heraus.
Dabei können pädagogisch bedeutsame Ziele wie Selbstbestimmung des Lernens, Projektorientierung, Kooperation und Teamarbeit, fächerübergreifende Arbeits- und Lernformen und bereichsübergreifendes Denken gefördert und gezielt angegangen und erfahren werden.
Wechsel von Selbstlern- und Sozialphasen können die Lernmotivation steigern und die Bereitschaft zum selbständigen und lebenslangen Weiterlernen stützen.
Für die Sonderschulpädagogik bieten sich neue Ansatzpunkte für eine pädagogisch sinnvolle Förderung. Neue didaktische und methodische Kreativität ist erforderlich. Sie setzt allerdings zumindest in der Anfangsphase zusätzliche Arbeit und Fortbildungsbereitschaft auf Seiten der Lehrenden voraus. Erst damit sind die sich bietenden Chancen umsetzbar.
Die Auseinandersetzung mit neuen Medientechnologien ist für die berufliche Aus- und Fortbildung sowie in der Weiterbildung von großer Bedeutung, da gerade in diesen Bereichen diese Technologien in erheblichem Umfang einsetzbar sind. Es ist anzustreben, die dort vermittelten Kenntnisse und Fähigkeiten in angemessener Form durch ein übergreifendes Konzept der Medienkompetenz zu ergänzen.
Die Angebote des Fernlernens mit Hilfe neuer Medientechnologien werden vielfach als bedeutsamer neuer Markt und als wichtiges Arbeitsfeld gesehen. Für die Bundesrepublik Deutschland sind sie eine sinnvolle Ergänzung der sonstigen Bildungsangebote. Inwieweit sich die Hoffnung der Wirtschaft auf einen besonderen Wachstumsbereich, erfüllt, bleibt jedoch abzuwarten. . . .
[7]

Auch die Projekte zu einer informationstechnischen Basisqualifizierung für Lehramtsstudierende an einigen deutschen Universitäten (Bremen, Berlin, Dortmund, Paderborn/ vgl. Hochschulnetzwerk) haben bisher noch nicht zu einer verbindlichen Regelung in den Lehramtsstudiengängen und Prüfungsordnungen der Bundesländer geführt.

In der Regel ist es den Lehramtsstudierenden in Deutschland auch im Jahre 2001 überlassen, ob und in welchem Umfang sie Medienkompetenz und damit verbundene Vermittlungskompetenzen im Verlauf ihres Studiums erwerben.

Das noch immer so viele Lehramtsstudierende ohne Medienkompetenzen in die zweite Ausbildungsphase kommen, ist insbesondere darauf zurückzuführen, dass an der überwiegenden Anzahl der Universitäten kein geregeltes und schon gar kein verbindliches Lehrangebot zum Erwerb von Basisqualifikationen im Umgang mit computerbasierten Medien existiert.

Im Rahmen der Medieninitiative Schule@Zukunft wird für Hessen „die Vermittlung der Medienkompetenz in allen Phasen der Lehrerbildung" angestrebt. [8]


7. Auftrag, Ziele und Inhalte des Pilotprojekts: ICuM

Auftrag des ICuM-Projekts ist es, ein IT-Modellcurriculum für alle Lehramtsstudiengänge zu entwickeln, zu erproben und zu evaluieren. Dabei sollen Grundelemente der Informationspädagogik und einer informationstechnischen Bildung vermittelt werden, die zur Entwicklung von Medienkompetenz und informationspädagogischen Kompetenzen der Studierenden im Hinblick auf computerbasierte Medien führen sollen.

Um Medienkompetenz zu erwerben, müssen die Studierenden ...

  • Erfahrungen mit den neuen Kommunikationsformen im Internet sammeln,
  • die neuen Kommunikationstechniken im eigenen Umfeld anwenden,
  • Nutzen, Grenzen und Gefahren des neuen Mediums direkt, unmittelbar erfahren und
  • didaktische und pädagogische Ansätze entwickeln, um sie pädagogisch zielgerichtet vermitteln zu können.

Grundlegende Kompetenzen im Umgang mit Computern werden für die Teilnahme am Projekt vorausgesetzt oder müssen parallel (zusätzlich) erworben werden.

  • Begriffe - Funktionsweise – Handhabung des Computer

  • Begriffe - Funktionsweise – Handhabung des Internets

  • Informationen finden und beurteilen

  • Text- u. Bildbearbeitung,

  • Kommunikation: email, ftp, news, chat


Studienziele:

Vorrangiges Ziel ist dabei die Vermittlung von Lern- und Sozialkompetenz, d.h. der Fähigkeit selbständig weitere Wissens- und Handlungskompetenzen in diesem Feld erarbeiten, diese pädagogisch aufbereiten und vermitteln zu können.

Dazu gehören der Erwerb von . . .

Qualifikationen im Umgang mit der Informationstechnik durch handlungsorientierte Aufgabenstellungen:

  • eigene Ziele und Schwerpunkte setzen,
  • ihren Lernprozess selbst planen,
  • ihre Lernstrategien und die der Gruppe reflektieren,
  • ihren Lernerfolg und den der Gruppe bewerten.

Kenntnissen über den Zusammenhang zwischen technischer und gesellschaftlicher Entwicklung

  • Entwicklungen der Informationstechnologien in gesellschaftliche Zusammenhänge einordnen,
  • Wechselwirkungen zwischen Informationstechnologien und der Schule erkennen sowie Folgen technischer Entwicklungen für den gesellschaftlichen Wandel analysieren können,

Gestaltungskompetenzen im Medienbereich

  • Bedingungen der Konstruktion, Produktion und Verbreitung von Medien im gesellschaftlichen Zusammenhang analysieren können und Einfluss- und Gestaltungsmöglichkeiten wahrnehmen, um eine am Gemeinwesen orientierte Medienkultur mitzugestalten,
  • selbst Projekte und Unterrichtseinheiten zu den modernen Informations- und Kommunikationstechnologien im eigenen Unterrichtsfach und fächerübergreifend professionell gestalten können.

wissenschaftlichen Grundlagen,

  • um pädagogische Konzepte für die Umsetzung der modernen Informations- und Kommunikationstechnologien im Unterricht einschätzen zu können und diese in eigenen pädagogischen Überlegungen und unterrichtlichen Aktivitäten wirkungsvoll einsetzen zu können,
  • die es ihnen ermöglichen, praktische und anwendungsnahe Fragestellungen zur informatischen Grundbildung ihrer Schülerinnen und Schüler mit wissenschaftlichen Methoden zu bearbeiten,
  • um später personale und institutionelle Bedingungen für die Nutzung moderner Informationstechnologien zu durchschauen und entsprechende schulische Konzepte mitgestalten zu können.


Studieninhalte: Informationspädagogik

  1. Theorie und Didaktik informationstechnischer Bildung

  2. Pädagogik computerbasierter Medien

  3. Bildung in Netzwerken und Netzwerke in der Bildung

  4. Gestaltung informationstechnisch angereicherter Lernumgebungen

  5. Kultur- und Gesellschaftstheorie der Informationstechnik

Organisation und Leistungsnachweise:

Das Lehrmodul der o.g. inhaltlichen Bereiche gliedert sich in zwei Blöcke:

Block 1 (4 SWS) (Schwerpunkt theoretisch - systematisch)

Vorlesung und Seminar: „Informationspädagogik" (2 + 2)
(Die Vorlesung bietet eine Übersicht über das inhaltliche Gesamtspektrum;
das Seminar ermöglicht exemplarische Vertiefung in einem der Bereiche; für die Studierenden des Lehramts an beruflichen Schulen L4 ist das Seminar auf den Bereich Grundlagen der Berufspädagogik … anrechenbar.).

1 Leistungsnachweis als Seminarschein.

Block 2 (4 SWS) (Schwerpunkt handlungsorientiert-explorativ-konstruktiv)

Projekt: „Entwicklung und Erprobung eines multimedialen Unterrichtsvorhabens" (Die Studierenden arbeiten im Team an unterschiedlichen Projekten zum Einsatz, zur Beurteilung, zur Entwicklung von computerbasierten Medien im Unterricht).

1 Leistungsnachweis als Projektschein.

Da das Modellcurriculum ‚Informationspädagogik’ auf alle Lehramtsstudiengänge übertragbar sein soll und im Hinblick auf die begrenzte Zeit (8 SWS), ist eine Ausrichtung der Inhalte auf bestimmte Schulformen oder -stufen ebenso wenig intendiert wie die inhaltliche Einbeziehung einzelner Fachdidaktiken. 

Die Entwicklung von weiterführenden auf bestimmte Fächer oder Schulformen ausgerichteten Veranstaltungsangeboten zur Integration computerbasierter Medien in den Unterricht sowohl in der 1. Phase der Lehramtsausbildung als auch in der 2. Phase, dem Referendariat, ist wünschenswert und notwendig.


 

Darmstadt, den 10.11.2001                                         Wilfried Rüsse


Fußnoten:

[1]      Neue Medien oder auch Computer basierte Medien (cbm) sind angesichts der Entwicklung von Informations- und Kommunikationstechnik vor allem gekennzeichnet durch:

·        die Möglichkeit der interaktiven Nutzung, d. h. der Nutzer ist nicht nur ausschließlich Empfänger, sondern kann selbst aktiv als Netzteilnehmer Aktionen auslösen und Inhalte gestalten

·        die integrative Verwendung verschiedener Medientypen, d. h. dynamische (Video- und Audiosequenzen) werden mit statischen (z. B. Text und Daten) Medien kombiniert

·        Digitalisierung, Vernetzbarkeit und damit verbunden auch ein enorm gesteigertes Datenvolumen, das schnell und direkt transferiert werden kann

·        prinzipielle globale Aktualität und Zugänglichkeit der Daten für alle oder geschlossene Benutzergruppen und durch die tendenzielle Nicht-Kontrollierbarkeit von Datentransfers

·        die Kommunikation und Kooperation mit neuen Medien raum- und zeitversetzt, d. h. asynchron, zu gestalten und dadurch die Mobilität und Erreichbarkeit der Menschen zu erhöhen


[2]  NEUE MEDIEN UND TELEKOMMUNIKATION IM BILDUNGSWESEN
- Beschluß der Kultusministerkonferenz vom 28.02.1997 -
Quelle: http://www.kmk.org/ , (09.08.2001)


[3]   (Sesink, Werner: Vorlesungsscript Grundlagen der
      Informationspädagogik. TU Darmstadt WS 2000/2001)

 


[4]  Hessisches Schulgesetz vom 17. Juni 1992 (GVBl. I S. 233), zuletzt geändert durch das Erste Gesetz zur Qualitätssicherung in hessischen Schulen vom 30. Juni 1999 (GVBl. I S. 354) (Schulgesetz - HSchG -)

 


[5]   Verordnung vom 19. April 2000, ABl. 5/2000, S.460

 


[6] Auszug aus der Pressemitteilung
des Hessischen Kultusministeriums vom Mi., 23. Mai 2001 

 


[7] NEUE MEDIEN UND TELEKOMMUNIKATION IM BILDUNGSWESEN
- Beschluß der Kultusministerkonferenz vom 28.02.1997 -
Quelle: http://www.kmk.org/  , (09.08.2001)

 


[8]  ebd. Pressemitteilung des HKM vom 23. Mai 2001